Eine silbernfarben bedruckte Rohrpostkarte?


Eine Rohrpost-Ganzsachenkarte RP 4/B wurde am 30.5.1883 im Briefpostamt O 23 (KBHW 492) aufgegeben und wurde zwecks Weiterbeförderung per Rohrpost an das Rohrpostamt T2 (R9) in der Börse geleitet. Dort wurde die Karte per blauem Leitvermerk „1“ und Rohrpostbeförderung an das R1 im Haupt-Telegraphenamt (HTA) gesendet. Ankunft dort mit der 19. Fahrt des Tages, welche aus dem Nordkreis kam: R1 N19.

Sich zeitlich wiederholende Zudrucke auf Rohrpostkarten waren ab 1880 grund­sätzlich bereits recht häufig, wollten doch z. B. die Tageszeitungen von ihren Korrespondenten schnellstmöglich informiert werden. Ein privater Zudruck zu einem einmaligen Tagesereignis ist bisher nicht bekannt geworden; die Herstellung eines solchen Zudrucks war einfach zu aufwendig und wäre sehr teuer geworden. So griff man lieber mittels Tusche und/oder Stift zur individuellen Gestaltung der Glückwunschkarte.

Erstmals im Jahr 2006 ist ein von Privat zu einem Tagesereignis verwendeter Zudruck auf einer Rohrpostkarte vor 1900 bekannt geworden, dazu in einer auffälligen „Farbe“ gedruckt und in verschiedenen Schriftarten gesetzt.

Wer der adressierte Herr Sanitätsrath Dr. Abraham war, kann heute nicht mehr eindeutig bestimmt werden; der Titel und der Name waren in Berlin häufig und in der noblen Taubenstr. wohnten mehrere „Dr. Abraham’s“ mit unterschiedlichen Vornamen. Eindeutig kann aber festgehalten werden, dass „unser“ Dr. Abraham eine wohlhabende Persönlichkeit war und am 30.5.1883 ein großes Fest zu seinem Ehrentag feierte: Herr W. Hoppenworth und seine Familie gratulierten.

Wer war der Herr W. Hoppenworth?

Herr (Friedrich) Wilhelm Hoppenworth war der Inhaber der gleichnamigen Firma, welche sich 1863 in Berlin als „Spezialgeschäft für festliche Veranstaltungen jeder Art“ etablierte. Zahlreiche hohe Auszeichnungen bestätigten seine Arbeit, der Höhepunkt seines Arbeitslebens war aber die Gestaltung der „100jährigen Gedächtnisfeier“ für den verstorbenen Kaiser Wilhelm I in Berlin. Am 7.2.1913 feierte die Firma als inzwischen „Ältestes Spezialgeschäft …“ das 50jährige Firmenjubiläum.

Herr Hoppenworth versendete an seine Kunden am Festtag auffällige Glückwünsche als Werbeträger für seine Firma, hier mittels einer Rohrpostkarte zu 25 Pfennig Gebühr; als Drucksache hätte der Glückwunsch nur 3 Pfennig Porto gekostet …

Das Wort Farbe wurde im 3. Absatz unter Apostroph gesetzt, da die dort verwendete Bezeichnung „Silber“ keine Farbe ist: Man kannn zwar heute die Grundfarben Cyan, Magenta, Gelb, und Schwarz (CMYK) mischen, das Ergebnis wird aber immer ein stumpfer Grauton ohne Reflexionen sein. Erst durch das Beifügen von Metallpartikeln in der Basisfarbe Grau und das horizontal gleichmäßige Ablagern der Metallteilchen beim Trocknen wird für unsere Augen bzw. deren Rezeptoren der Farbton „Silber“ erzeugt.

Wird der Farbton auf einen Papierträger aufgetragen, ist das Ergebnis erhaben: Die Farbe lagert auf dem Papier. Auf der Rohrpostkarte erkennt man jedoch, dass die einzelnen Buchstaben in das Papier hinein gedrückt wurden – so stark, dass sogar der rückseitige Druck von der Gegenseite heute noch erkennbar ist. Wie das? Der Setzer setzte die gewünschten Buchstaben und Schrifttypen als Text einzeln in einen Rahmen. Der Drucker legte sodann eine hauchdünne Metallfolie über den gesetzten Text und presste mit starkem Druck (= Wärme!) den Schriftsatz in das Papier ein: Die Folie verband sich mit dem Träger und die Buchstaben erstrahlten mit Silberglanz!

Heute wird aus Kostengründen statt dem ursprünglichen Silbererz nur noch das Leichtmetall Aluminium oder andere Ersatzstoffe verwendet – was zusätzlich den Vorteil hat, nicht mit dem aus der Luft entnommenen Schwefel zu reagieren bzw. anzulaufen.

Die vorgestellte Rohrpostkarte ist somit nicht mit „echtem Silber“ bedruckt, sondern der Farbeffekt wurde mittels einer Aluminiumfolie hergestellt, welche zu dieser Zeit als Rohstoff jedoch teurer wie Gold, Silber oder Platin war: Die Buchstaben glänzen noch nach über 125 Jahren.

Der Artikel entstand mit fachlicher Unterstützung durch:

–     Manfred Schmitt, Mitglied der ArGe Krone/Adler,
–     Firma BASF in Ludwigshafen,
–     Firma Caparol in Ober Ramstadt,
–     Internationalen Datenbank für Aluminium,
–     WDR, Köln, hier die Sendung: „So entstehen Gold- und Silberfarben“ vom
7.4.2005 und
–     Landesarchiv Braunschweig für die Überlassung der Festschrift:„Ein Stück
Berliner Handwerks- und Gesellschaftsleben“, herausgegeben 1913 im
Klett-Verlag, Berlin.

Ich danke allen.

Rainer Linden,
Fischbachtal